Zum Sonnenwunder von Abu Simbel


Applet im eigenen Fenster (english)

Zweimal im Jahr, so heißt es in Reiseführern und auf einschlägigen Netzseiten, nämlich am Geburtstag (22.2.) und am Krönungstag (22.10.) Ramses des Zwoten, kann man im großen Tempel von Abu Simbel das so genannte Sonnenwunder bestaunen, denn nur an diesen beiden Tagen fällt Sonnenlicht in die hintere Kammer und beleuchtet diese. In diesem Heiligtum sitzen Schöpfergott Ptah, der auch der Gott der Dunkelheit ist, Reichsgott Amun-Re, Ramses und Sonnengott (Horus-)Re. Zweimal im Jahr werden drei der Götter durch die Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet. Der vierte Gott, Ptah, bleibt immer im Dunkeln, er ist ja auch der Gott der Dunkelheit und benötigt niemals Licht.

Schon beim Blick in den Tempel zeigt sich, dass dies nicht stimmen kann. Von der Eingangstür aus ist zu sehen, dass die vier Figuren im Sanktuar symmetrisch zur Hauptachse sitzen, Ptah erhält ebenso viel Licht wie Horus, nur eben zu anderen Zeiten.

Steht man vor dem Sanktuar und blickt zurück, sieht man die Eingangtür 4 Bogengrad breit und etwa 10 Bogengrad hoch. Die morgendliche Beleuchtung des Sanktuars kann also nicht nur an einem Tag stattfinden. Sie erstreckt sich über fünf Tage, mit täglich leicht veränderter Form natürlich.

Nur wenn man sich auf den Sonnenaufgang genau in der Achse des Tempels versteift, kann man diesen Bereich einschränken. Diese Einschränkung kann man aber schnell so genau machen, dass das Sonnenwunder (jetzt verstanden als der Sonnenaufgang in der Achse des Tempels) nie stattfindet. Fordert man nämlich die Stelle, wo der erste Lichtstahl über das Gebirge gelangt, mit einer Genauigkeit von 1 Bogenminute, so tritt das Ereignis nur sehr selten ein, denn diese Stelle bewegt sich mit täglichen Schritten von 20 Bogenminuten den Horizont entlang und tappst auf die richtige Stelle noch seltener als der Weitspringer den Balken trifft.

Was einmal im Jahr stattfindet, ist die vollständige Ausleuchtung des Eingangs zum Sanktuar bei Sonnenaufgang (im Applet der Tag Null). Dann sitzen plötzlich Amun und Ramses im Sonnenlicht, und nach Sonnenaufgang wird dann auch noch Horus etwas beleuchtet. An diesem Tag bleibt Ptah im Schatten. Aber in den folgenden Tagen sitzt er dann als erster und am dritten Tag auch als einziger für kurze Zeit im Licht der aufgehenden Sonne. Entsprechend wird vor dem Tag Null Horus vorzugsweise beleuchtet. Im Oktober ist diese Reihenfolge genau umgekehrt.

Das Applet zeigt den Ablauf bei Sonnenaufgang in der Frühjahrszeit. Die Linien in Magenta zeigen den Umriss der Eingangspforte des Tempels, den Umriss des Durchgangs zum Sanktuar und den Altar des Sanktuars mit der angedeuteten Position der vier Köpfe. Die durch den Eingang wie durch den Durchgang beleuteten Fläche sind mit blauem Rand angedeutet. Der Durchschnitt dieser beiden Flächen und der Altarfläche bestimmt den Teil des Altars, der vom Sonnenlicht tatsächlich getroffen wird.
Sie haben die Auswahl verschiedener Tage und Jahre im Schaltzyklus, um dort zu beginnen. Das Programm läuft durch die Periode und wiederholt sie von Anfang an.



Das "Sonnenwunder" kann man natürlich an jeder Stelle beobachten, wo ein langer Gang in ungefährer Ost-West-Richtung mit einem Fenster oder einer Tür am östlichen Ende abschließt. Mein Beispiel ist der Container des Astrophysikalischen Instituts Potsdam auf dem Babelsberg. Dort beleuchtet die Sonne bei Sonnenaufgang am 27. Februar den gesamten Gang durch das östliche Fenster. Im Herbst ist das nicht zubeobachten, weil das Laub der Bäume den Container verschattet.
  Twice every year, so you can read it in itineraries and on web pages, you can admire the miracle of the sun in the Abu Simbel temple. It is the birthday and the inthronisation day of Ramessu the second, so it is told. Only at these two days, so it is told, the light of the sun reaches the sanctuary and lits the gods which wait there for the end of time. It is Ptah, the god of darkness, Amun, the main god of the country, Ramessu, the pharao, and Hor, the god of sun and light. The sun lits Amun, Ramessu, and Hor, one after another, but never Ptah: so it is told.

The first glance into the temple shows that this cannot be correct. From the entry one can see, that the four gods sit symmetrically to the main axis of the temple. Hence, Ptah obtains as much light as Hor, only at different days and times.



Looking back from the entry of the sanctuary to the entry of the temple, one sees that the entry of the temple is about 4 degrees of arc wide and 10 degrees of arc high. The illumination of the gods at sunrise cannot occur at one single day only. It happens at 4 or 5 consecutive days, with varying form, of course.

When we require the sunrise to happen in the axis precisely, we can restrict the wonder to one day. We should not require a too high precision, because the sunrise may happen with high precision to the axis every four years at best: Because of the leap cycle, the position of the sun at sunrise changes every year.

The wonder that happens twice every year is the complete illumination of the entry of the sanctuary (in the applet the relative day 0) at sunrise. Then, Amun and Ramessu sit in the light from the very first moment, later Hor get some light, too. Ptah remains in the shadow. In the following days, however, he is the first to get light at sunrise, and the third day, he is the only one who sees the sun. Correspondingly, Hor sees the sun the days before day 0. In the october period, this order is reversed.

The applet show the illumination of the gods in the spring period. The lines in magenta show the sizes of the entries to temple and sanctuary, and that of the altar with the indicated position of the god's heads. The areas illuminated through the two entries are indicated in blue. Their position changes with that of the rising sun. Their intersection with the altar area is the actually illuminated part of the altar.
You may choose different days of the cycle to begin with. As long as you do not pause the programm, it will pass through all the period and restart it again.

The "miracle" can be observed whenever a long corridor (in approximately east-west direction) has a window at its eastern end. My example is the "Container" of the Babelsberg observatory (the AIP). There, the sun lits the corridor in its full length at dawn of February 27. In autumn, the miracle is cancelled by the trees in front.


Kommentare, Beschwerden und Beifall an mail deliebscher@aip.de

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